Auf Pirsch am Frühlingshimmel

In der Poebene, in Ponte di Piave, lebt in einer beschaulichen Wohnsiedlung ein liebenswürdiger, älterer Herr, welchem man auf den ersten Blick nicht anmerkt, dass er in Wahrheit ein gewieftes Raubtier ist! Paolo Campaner, so sein Name, ist nämlich einer der erfolgreichsten Supernovajäger der Welt und hat, trotz der harten Konkurrenz durch vollautomatische Suchprogramme der Profiastronomen, in den letzten fünf Jahren ganze 12 dieser fernen Sternenexplosionen "erbeutet"!


Was sind Supernovae?
Als Supernova-Explosion bezeichnet man die extrem heftigen Ereignisse am Ende des Lebens eines massereichen Sterns. Bei dessen Kollaps kann soviel Energie freigesetzt werden, dass die Supernova das kombinierte Licht aller anderen Sterne ihrer Heimatgalaxie überstrahlt und so über hunderte Millionen Lichtjahre hinweg sichtbar wird. Supernovaereignisse sind selten! In unserer eigenen Galaxie, der Milchstraße, rechnet man etwa alle 50 Jahre mit einem solch gewaltigen Leuchtfeuer. Das nächste wäre, nebenbei bemerkt, überfällig...


Mit dem 40-cm-Newtonteleskop seiner Gartensternwarte geht Paolo in jeder klaren Nacht auf die Pirsch. Unzählige ferne Galaxien fotografiert er dabei systematisch ab, um die Bilder im Anschluss nach jenen unscheinbaren, verräterischen Lichtpünktchen abzusuchen, welche eigentlich nicht in die Aufnahme gehören. Im Schnitt landet Paolo mit seiner Erfahrung und seiner enormen Ausdauer in jeder 1400sten Galaxie einen Treffer!

Wieso ich das alles erzähle?

7. April 2018, ein milder Samstag neigt sich dem Ende zu. Was tun? Genau, Supernovae jagen! Entschlossen machten sich Vera, Maximilian und Dominik wie auch meine Wenigkeit an jenem Abend vor über einem Jahr auf den Weg zu unserem astronomischen Beobachtungsaußenposten. Der abnehmende Mond sollte die Hatz erst gegen drei Uhr morgens stören, der Dämmerungshimmel zeigte sich einladend wolkenlos. Selbst der Saharastaub, von welchem der Wetterdienst kündete, verschaffte uns ein schönes Abendrot, nicht mehr. Auch er sollte der grandiosen Nacht die da aufzog nicht im Wege stehen.


Bild 1: Drei Adleraugen auf Supernovajagd! Von links: Dominik, Maximilian und Vera. 


Nicht dass wir Grund zu großer Hoffnung gehabt hätten. Es sollte unser erster Versuch in diesem Metier werden und wir maßen uns nicht an, auf Anhieb in Paolos Fußstapfen zu passen. Neben unserem schmerzhaften Mangel an Erfahrung, verfügten wir über ein bedeutend kleineres Teleskop und waren in der Regel mit gräßlich turbulenter Luft "gesegnet"...

Immerhin: In punkto Dunkelheit des Nachthimmels sollten wir die lichtverschmutzte Poebene meilenweit in den Schatten stellen können. Und so war es auch! Im Laufe der schnell hereinbrechenden Dämmerung sank die Himmelshintergrundhelligkeit stetig und erreichte jene erfreulichen Rekordwerte, wie wir sie im Frühling schon gelegentlich gemessen hatten. Wir sind, was "dark sky" anbelangt, wirklich "im heiligen Land Tirol".


Bild 2: Entwicklung der Himmelshintergrundhelligkeit. Erfreuliche 21,7 mag/arcsec² wurden erreicht. 



Wie lautete der Plan? Dominik sollte mit dem freien Planetariumsprogramm Stellarium unser Jagdrevier abstecken, sprich jene Galaxien auswählen, welche wir fotografieren wollten. Das war nicht weiter schwierig, denn am Frühlingshimmel verläuft der Blick des Beobachters genau orthogonal durch das Gewimmel an Sternen unserer Milchstraße hinaus in den intergalaktischen Raum. Tausende ferne Galaxien warteten in den Sternbildern Löwe, Jungfrau, Haar der Berenike und Jagdhunde allabendlich auf ihren großen Auftritt.

Vera sollte das Teleskop vom Rechner aus steuern, Maximilian hingegen die Kamera. Beiden wurde außerdem die entscheidende Aufgabe zuteil, die gewonnenen Galaxienbilder mit Online-Katalogen wie dem Sloan Digital Sky Survey SDSS oder dem Digitized Sky Survey DSS abzugleichen und so nach den begehrten Supernova-Lichtpünktchen abzusuchen. Wäre eine Quelle in unserem Bild zu sehen, an der entsprechenden Position aber nichts in den Katalogen verzeichnet, wären wir hellhörig geworden!

Nachdem einige Anfangsschwierigkeiten überwunden waren, nahm die Suche Fahrt auf. Ein Galaxienbild nach dem anderen trudelte auf unserer Festplatte ein und nach jedem Download von der Kamera starrten wir wie gebannt auf den Bildschirm, um zu sehen, welches „Gesicht“ sich hinter den nichtssagenden Katalognummern verbergen mochte, welche Dominik uns diktierte. Jedes Mal staunten wir über die abwechslungsreiche Morphologie und erhabene Ästhetik der Welteninseln, bevor sich die vier aufmerksamen Augen von Vera und Maximilian daran machten, sie nach Lichtpunkten abzugrasen, die fehl am Platz waren.

Bild 3: Vier Beispielbilder, welche im Laufe des Abends von uns geschossen wurden. Man sieht die Vielfalt
der Morphologie der Welteninseln und kann erahnen, wie mühsam die Suche nach Supernovae ist.


Zu fortgeschrittener Stunde, gegen 00:15 Uhr MEZ, kam schlagartig Leben in das bis dahin beschauliche Treiben in unserer Sternwarte! In der sog. Walgalaxie erblickten unsere schlaftrunkenen Augen an einer Stelle zwischen der Galaxie selbst und ihrem kosmischen Begleiter NGC4627...

Doch halt! 🙊 Wer den gesamten Krimi in all seinen spannenden Details erfahren will, der sei auf die aktuelle Ausgabe (April 2019) der deutschen Zeitschrift für Astronomie "Sterne und Weltraum", verfügbar in unserer Schulbibliothek, verwiesen. Im sechsseitigen Artikel "Schüler auf Supernovajagd" auf Seite 70 ff. schildere ich, wie uns zunächst

  • die Luft wegblieb, 
  • die Euphorie übermannte, 
  • das blanke Entsetzen packte, 
  • wie das große Rätselraten begann,
  • uns Freunde entschlossen zur Seite sprangen und 
  • wie schließlich beim Zähneputzen der Groschen fiel.
(Der Mörder war nicht der Gärtner... 😉)


Bild 4: Walgalaxie mit der Begleitgalaxie NGC4627 (links). Was glüht denn da so unscheinbar?


Ohne Übertreibung waren die Ereignisse jener Nacht wohl die spannendsten und packendsten in der Geschichte unserer Astronomiegruppe - eine gelungene Premiere, zudem mit einem unerwarteten Ehrengast, welche allen Beteiligten noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Eigentlich stünde ja der galaktische Pol mit all seiner Galaxienflut jetzt im Frühling wieder verlockend hoch am Himmel... Gleich mal Wetterbericht checken! 😜

Christof Wiedemair



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