Greifbare Göttin - Venus in Erdnähe

Nachdem uns unser Nachbarplanet Venus im Frühling und Sommer 2018 mit einer schönen Abendsichtbarkeit die späten Tagesstunden versüßte, stand er am 26. Oktober schließlich in "unterer Konjunktion" zur Sonne. Dies bedeutet, dass Venus zwischen Erde und Sonne vorbeiwanderte - nicht exakt, denn sonst hätte es einen sogenannten Venustransit gegeben, bei dem sich die Venus als dunkle Silhouette von der hellen Sonnenscheibe abhebt. Solch ein ebenso seltenes wie spektakuläres Ereignis erwartet uns leider erst wieder im fernen Jahre 2117. Stattdessen zog Venus dieses Mal etwa sechs Grad unterhalb der Sonne vorüber und ging fortan am Morgenhimmel vor der Sonne auf, ist also wieder unser "Morgenstern".

Man muss keine Koryphäe in euklidischer Geometrie sein, um zu erkennen, dass eine untere Konjunktion mit einem besonders kleinen Abstand zwischen Erde und Venus einhergehen muss. Demnach erscheint uns Venus zu dieser Zeit am Himmel besonders groß. Tatsächlich kann der Winkeldurchmesser auf über eine Bogenminute groß wachsen, was einem Dreißigstel des Vollmonddurchmessers entspricht. Andererseits ist die Beleuchtungssituation gerade in unterer Konjunktionsstellung ungünstig, schließlich ist die sonnenbeschienene Tagseite der Venus dann von der Erde abgewandt. Bestenfalls sieht man eine sehr dünne Sichel.

Genau die Sichelgestalt der Venus hat Anna Mair von der Astrogruppe gemeinsam mit mir am Samstag, den 17. November 2018 aufs Korn genommen. Gegen Mittag fanden wir uns im Observatorium "torretta" des IPC Bruneck ein und richteten den Sechs-Zoll-Refraktor aus! Nach einer genussvollen, visuellen Begutachtung der greifbaren Göttin wollten wir mit der Methode des "Lucky Imaging" ein Foto schießen. Dabei wird zunächst ein Videostream angefertigt, welcher das von Astronomen verhasste Wabbern der irdischen Atmosphäre zeigt. Am Rechner werden dann aus diesem Videostream die schärfsten Einzelbilder extrahiert, summiert und geschärft.

Bild 1: Exaktes Fokussieren trotz unruhiger Luft erfordert Konzentration und ein gutes Auge!



Bild 2: Astronomie muss nicht immer in kalter, dunkler Nacht passieren! 

Bild 3: Das Endergebnis: Die bezaubernde, stets wolkenverhangene Venus!
Summe aus 1500 Einzelbildern, aufgenommen durch einen Infrarotfilter!

In den kommenden Monaten werden sich wohl die meisten von uns schon in der frühmorgendlichen Dunkelheit auf den Weg in die Schule machen (müssen/dürfen). Wer dabei seinen Blick zum Osthorizont schweifen lässt, wird dort göttlichen Beistand in Form der gleißend hellen Venus finden. Vielleicht lässt ein kurzes Stoßgebet den einen oder anderen Test ja glimpflich ablaufen! 🙏

von Christof Wiedemair

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