ESO Astronomy Camp 2017

von Lisa Niederbrunner Es klingt nach einem Traum: Eine Woche lang in den italienischen Alpen verbringen, inmitten einer verschneiten Winterlandschaft, welche einem Märchen entsprungen zu sein scheint, dort mit professionellen Astronomen zu Abend essen und die sternenklare Nächte nutzen, um das Universum zu beobachten. Dieser Traum wurde für mich und gleichaltrige Schüler Wirklichkeit!
  Bild 1: Die Teilnehmer des ESO Astronomy Camps 2017 (Nikki Miller)

Bereits zum fünften Mal fand heuer das ESO Astronomy Camp im italienischen Aostatal statt. Die Teilnehmer hatten die Möglichkeit, neben Experimenten und Vorlesungen auch praktische Erfahrungen im Umgang mit Teleskopen zu sammeln. Bewerben konnte sich jeder zwischen 16 und 18 Jahren. Die einzige Voraussetzung: die Leidenschaft für Astronomie. Insgesamt trafen über 190 Bewerbungen aus 19 verschiedenen Ländern ein, von denen lediglich 54 ausgewählt wurden und ich hatte das Glück, mit dem italienischen Stipendium des INAF (Istituto nazionale di astrofisica) an dieser einzigartigen Woche teilzunehmen. Am 26. Dezember 2017 ging es endlich los; zunächst nach Milan Malpensa, wo wir bereits von den Betreuern des Camps erwartet wurden. Von dort fuhren zwei Reisebusse in das zwei Stunden entfernte Saint Barthelemy im Aostatal. Die Täler wurden enger, die Berge höher. Während der Busfahrt hatte man die erste Gelegenheit, einander kennenzulernen. Es wurden Geschichten über die Reise ausgetauscht, über Filme und Serien gesprochen und schon bald wurde miteinander gescherzt und gelacht. Die Vorfreude, diese einzigartige Woche endlich losgehen zu lassen, war groß. Schließlich kamen wir am Ziel an und Saint Barthelemy zeigte sich von seiner schönsten Seite. Die verschneiten Berggipfel glitzerten in der Sonne und am Himmel war kaum eine Wolke zu sehen. Das Highlight war jedoch die etwa 40 cm dicke Schneedecke. Für viele der Jugendlichen war es der erste Schnee, den sie in ihrem Leben sahen.

Bild 2: Blick aus dem Fenster der Jugendherberge.

Am Abend stand die erste Beobachtung an, allerdings durchkreuzten Wolken unser Vorhaben und der Besuch im Observatorium musste verschoben werden. Dafür gab es eine kleine Vorstellungsrunde, die wieder zeigte, wie divers und vielkulturell die Gruppe war. Einige unter uns kamen aus Brasilien, einige aus der Türkei, auch Schweden, USA und viele andere Länder waren vertreten und somit ergab sich Englisch als Campsprache. Am Anfang war es etwas ungewohnt, doch schon bald verständigte man sich mühelos - auch mit Händen und Füßen, wenn es eben nicht anders ging.


Bild 3: Bei der nächtlichen Beobachtung. (Nikki Miller)


Der zweite Tag begann mit einer Einführung in Spektroskopie und Photometrie. Geleitet wurde der Vortrag von Davide Cenadelli, welcher am Osservatorio Astronomico della Regione Autonoma Valle d’Aosta neben Spektroskopie und Photometrie auch an Exoplaneten arbeitet. Die Vorträge während des Camps deckten neben den letzteren Themen auch Entfernungsbestimmung im Universum, Astrofotografie und Quasare ab und die Entdeckerin des ersten Doppel-Pulsars Dr. Marta Burgay sprach über die höchst interessanten “Fast Radio Bursts”. Die Vorträge waren so gestaltet, dass sie zwar auf hohem Niveau waren, jedoch konnte man trotzdem problemlos folgen. Und sollten doch Fragen aufkommen, so hatte man immer die Möglichkeit, den Referenten nach dem Vortrag Löcher in den Bauch zu fragen. Nicht selten entstanden packende Gespräche, über welche selbst noch am Esstisch diskutiert wurde. Dieser Aspekt war meiner Meinung nach einer der wertvollsten; man hatte die Gelegenheit, mit professionellen Astronomen zu sprechen und mehr über ihre Arbeit und ihren Alltag zu erfahren. Inzwischen wurde es draußen dunkler und die angesetzte Beobachtung rückte immer näher - doch das Wetter machte uns abermals einen Strich durch die Rechnung. Am nächsten Tag hatten wir mehr Glück. Jedoch sollte es die einzige klare Nacht der gesamten Woche werden, sodass wir gezwungen waren alle Aktivitäten, welche im Observatorium geplant waren in einer Nacht durchzuführen. Da wir die Daten für die spätere Datenauswertung brauchten, mussten wir die wenigen günstigen Stunden ausnützen. So auch der Betreuer: „Die Beobachtung am Morgen ist freiwillig. Wer mitkommt, muss um viertel nach Fünf bereit sein, kein Frühstück, kein Kaffee! Außerdem werden es minus 14 Grad sein! Wer kommt mit?“ Ohne Zögern schossen stumm 54 Hände in die Luft. Und so ging es nach etlichen Vorträgen endlich zum fünf Minuten entfernten Observatorium. Je dunkler es wurde, desto wacher wurde die Gruppe. Endlich durften wir Hand anlegen! Die sieben Zehn-Zoll-Teleskope standen uns frei zur Verfügung, visuell zu beobachten, was wir wollten. Ins Visier wurden neben des Mondes auch der Orionnebel, die Andromeda Galaxie, das Galaxienpaar M81/M82 im Sternbild des „Großen Bären“, sowie die Whirlpool - Galaxie im Sternbild „Jagdhunde“ und vieles mehr. Nebenbei nahmen wir an einem Teleskop, an dem ein Spektrograph und eine CCD Kamera angeschlossen waren, Spektren von verschiedenen Sternen auf. Es war schon weit nach Mitternacht als wir komplett durchgefroren zur Jugendherberge zurückkehrten. Die Nachtruhe währte jedoch nicht lange - um fünf Uhr riss uns bereits der Wecker aus dem Schlaf und es ging zurück ins Observatorium. Zuerst zeigte uns Davide Cenadelli, welcher auch begeisterter Astrohistoriker ist, die verschiedensten Sternbilder und erzählte von ihrer Herkunft. Seit alters her verbanden die verschiedenen Kulturen wie die Griechen, Römer und Araber die Sterne mit Figuren aus der Sagenwelt, deshalb verwundert es auch nicht, wenn man auf Helden wie Perseus oder Orion am Sternenhimmel trifft. Danach richteten wir unsere Aufmerksamkeit auf die zwei Planeten, welche inzwischen hoch hinaufgestiegen waren, Mars und Jupiter. Die Luft war leider sehr unruhig, deshalb konnte man keine feineren Strukturen erkennen, jedoch identifizierten wir eindeutig die Polkappen des Mars, welche aus gefrorenem Kohlendioxid und Wassereis zusammengesetzt sind. Einige Teilnehmer hatten Spiegelreflexkameras dabei und testeten auch gleich die Tipps aus, welche Phil Cigan am Vortag in einem Vortrag zur Astrofotografie vorgestellt hatte. Erschöpft und bis auf die Knochen gefroren kehrten wir in die Unterkunft zurück und wärmten uns erst einmal auf. Dann machten wir uns an das Auswerten der gesammelten Spektren. Zuerst ordneten wir den Stern anhand der Absorptionslinien einer Spektralklasse zu, dann lasen wir seine ungefähre Temperatur aus dem Hertzsprung-Russell-Diagramm (HRD) ab. Die scheinbare Helligkeit wurde angegeben, und um nun seine Distanz zu errechnen, mussten wir nicht mehr tun, als in die Formel für das Entfernungsmodul einzusetzen um die Entfernung in Parsec zu erhalten.



Bild 4: Mitschrift zu Spektroskopie und Photometrie.

Am Freitag fuhren wir mit dem Bus in den Ort Cervinia, von wo man freie Sicht auf die Südseite des Matterhorns hat - wäre da nur nicht der dichte Nebel gewesen… Als Entschädigung gab es eine Schneeballschlacht im 50 cm hohen Schnee. Am nächsten Tag, dem 31. Dezember, starteten wir die Vorbereitungen für die Starparty und anschließend genossen wir noch eine Show im Planetarium. Das traditionell italienische Silvesterdinner und die Neujahrsparty waren ein gelungener Abschluss für die Woche! Viel zu schnell kam der Montag und es war an der Zeit Abschied zu nehmen. Zwei Busse brachten uns wieder zurück zum Flughafen Milan Malpensa, von wo aus unsere Gruppe, welche in diesen sechs Tagen fest zusammengewachsen war, in alle Himmelsrichtungen zerstreut wurde. Der Gedanke, dass wir alle in ein paar Stunden hunderte, wenn nicht tausende Kilometern voneinander entfernt wären, war absurd und uns allen fiel der Abschied extrem schwer. Ich glaube ich kann für alle Teilnehmer sprechen, wenn ich sage, dass diese Woche eine sehr wertvolle und besondere Erfahrung war, es wurden tiefe Freundschaften geknüpft und wir werden auch noch in Zukunft in Kontakt bleiben. Wer nun neugierig geworden ist, der kann sich auf der Sterrenlab-Website (http://www.sterrenlab.com/camps/) informieren. Dort werden Informationen zum diesjährigen Camp rechtzeitig bekannt gegeben - die Teilnahme lohnt sich!


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Finale!

Wie wiegt man eigentlich einen Planeten?

Wie wir (fast und ein Jahr zu spät) eine Nova entdeckt hätten...